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Psychologie des Verkehrssünders

Am 29.06.2010 referierte Herr Dr. Klaus – Peter Kalwitzki zum Thema:Psychologie des "Verkehrssünders" - Wo liegen die Ursachen regelwidrigen Verhaltens im Straßenverkehr?

Herr Dr. Kalwitzki geb. 1952, ist freiberuflicher Verkehrs- und Umweltpsychologe in Mülheim an der Ruhr. Nach Tätigkeiten in der Ausbildung von Fahrlehrern und Mobilitätsberatern sowie in verschiedenen Projekten (Mobilitätserziehung, Mobilitätsmanagement, Verkehrsplanung u.a.) arbeitet er nun in der Beratung, Rehabilitation und Therapie verkehrsauffälliger Kraftfahrer. Er ist geschäftsführender Vorstand der AFN - Gesellschaft für Ausbildung, Fortbildung & Nachschulung e.V., Köln, sowie Herausgeber der Fachzeitschrift VERKEHRSZEICHEN

 

Herr Dr. Kalwitzki erläuterte zunächst die Grundlagen, die aus der Sicht der Psychologie für das Verhalten eines Menschen allgemein bestimmend sind: Das als Reaktion auf eine vorgefundene Situation an den Tag gelegte Verhalten und die Beurteilung der daraus resultierenden Konsequenzen wird maßgeblich von internen Prozessen beeinflusst, die u.a. durch persönliche Motivationen und Erfahrungen in vergleichbaren Situationen gekennzeichnet sind.

 

Die Klienten verkehrspsychologischer Interventionen sind überwiegend mit besonders schweren und/oder häufigen Delikten im Straßenverkehr aufgefallen und haben auf diese Weise ihre Fahrerlaubnis in Gefahr gebracht oder sogar verloren. Einem Teil von ihnen steht eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) bevor, auf die sie sich vorbereiten wollen. Andere können nach einer negativ ausgefallenen Eignungsuntersuchung mit der Teilnahme an einem Kurs nach § 70 FeV ihre Fahrerlaubnis zurück erhalten. Wieder andere sind Fahranfänger, die an einem besonderen Aufbauseminar teilnehmen müssen, weil sie mit Alkohol oder Drogen im Verkehr aufgefallen sind. Und wer bereits 14 bis 17 Punkte erreicht hat, kann mit einer freiwilligen verkehrspsychologischen Beratung 2 Punkte abbauen.

 

Von den insgesamt im Verkehrszentralregister (VZR) in 2009 eingetragenen knapp 9 Mio. Personen (bei ca. 53 Mio. Fahrerlaubnisinhabern insgesamt) haben etwa 2/3 weniger als 8 Punkte. Nur einem ganz kleinen Teil gelingt es, 14 bis 17 Punkte zu erreichen oder mit 18 und mehr Punkten die Fahrerlaubnis zu verlieren. Dennoch fehlt es diesen Kundenkreisen vielfach an der Einsicht, einer für die Sicherheit des Straßenverkehrs in hohem Maße gefährlichen Gruppe zuzugehören und die Erfahrungen und Empfehlungen aus den Kursen ernst zu nehmen und umzusetzen.

 

Hier setzt das Konzept der individualpsychologischen Rehabilitation an: Zusammen mit dem Klienten wird untersucht, mit welchen „festgefahrenen“ Denk- und Handlungsmustern sie sich in Schwierigkeiten gebracht haben, und welche persönliche Problematik dahinter steckt. Auch die vom Klienten im Lauf der Zeit entwickelte „Privatlogik“, mit welcher er Verantwortung („Schuld“) umverteilt und das eigene Fehlverhalten rechtfertigt, wird aufgedeckt. Nachdem die Muster und ihr Hintergrund erkannt sind, können mit dem Probanden alternative Ziele und Strategien erarbeitet werden.

 

Die Ursachen von Fehlverhalten im Straßenverkehr sieht Herr Dr. Kalwitzki aber nicht nur bei einzelnen Individuen, den „schwarzen Schafen“. So sorgen z.B. auch gesellschaftlich bedingte Lernprozesse („Verkehrssozialisation“) schon von Kindesbeinen an dafür, dass die motorisierte Fortbewegung als gegenüber anderen Verkehrsarten in hohem Maße privilegiert erlebt wird. Als „heimliches Curriculum“ wurde diese Botschaft teilweise sogar von der klassischen Verkehrserziehung transportiert. Wer diesem verheißungsvollen Trugbild erliegt, entwickelt zunehmend egozentrische Denk- und Verhaltensweisen sowie Defizite im sozialen Verhalten. In jüngster Zeit ist allerdings – nicht zuletzt auch als Ergebnis neuerer Konzepte zur Mobilitätserziehung – vermehrt ein Umdenken und eine Abkehr von dem hergebrachten Verkehrsideal festzustellen.

 

Auch die Gestaltung der Infrastruktur kann Fehlverhalten fördern, etwa wenn dem Verkehrsteilnehmer widersprüchliche Botschaften vermittelt werden (Beispiel: autobahnähnliche Innenstadtstraßen, die gleichwohl nur mit 50 km/h befahren werden dürfen). Einen Ansatz zu einem konfliktfreierem Umgang im Straßenverkehr sieht der Referent folglich in einer Straßengestaltung, die niedrige Fahrgeschwindigkeiten und Gleichberechtigung der Verkehrsarten fördert. Dazu gehören für Dr. Kalwitzki auch Gestaltungen, die unter Abkehr von starrem Regelwerk mehr Kommunikation unter den Verkehrsteilnehmern erfordern. Als positive Beispiele sind hier die nach dem Prinzip des „shared space“ oder auf andere Weise weniger regelintensiv gestalteten Verkehrsräume zu nennen.

 

Die zum Vortrag gezeigten Folien finden Sie im Download - Bereich:

Link: www.das-verkehrsbuero.de