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Überflutungsmanagement nach seltenen oder außergewöhnlichen Starkregenereignissen - Der Weg zur Schwammstadt

Am 22.02. referierte Herr Dr. Marko Siekmann, Stadt  Bochum, zum Thema “Überflutungsmanagement nach seltenen oder außergewöhnlichen Starkregenereignissen - Der Weg zur Schwammstadt“. Herr Dr. Siekmann leitet die Abteilung Entwässerung und Gewässer im Tiefbauamt der Stadt Bochum und ist dort Stadtkoordinator der Zukunftsinitiative Klima.Werk. Er promovierte an der RWTH Aachen im Jahr 2015 mit dem Titel „Eine Strategie zur Anpassung der Siedlungsentwässerung an die Auswirkungen des Klimawandels“.

Das Thema Überflutungsmanagement wird unter Experten schon länger diskutiert wird, ist aber seit dem Juli-Hochwasser an Ahr, Erft, Inde & Co. Verstärkt auf die aktuelle politische Tagesordnung gekommen: Starkregenereignisse werden sich wiederholen und sicherlich erneut massive Schäden an privater und öffentlicher Infrastruktur verursachen.

Auch die Stadt Bochum war von dem Starkregen am 14./15.07.2021 betroffen. Der Referent betonte die  Notwendigkeit eines interdisziplinären Vorgehens, bei dem auch die Stadt- und Verkehrsplanung konkret dazu beitragen müssen, die Auswirkungen von Starkregenereignissen abzumildern.

Daten zur Bochumer Stadtentwässerung:

Das Kanalnetz hat eine Länge von 1.240 Km, davon 82% Misch-, 5% Schmutz- und 14% Regenwasser. Es gibt 21 Pumpwerke und 166 Sonderbauwerke (RRB, RÜB…) Das durchschnittliche Alter der Anlagen beträgt 47 Jahre, das meiste musste nach dem 2.Weltkrieg neu erstellt werden. Die Abschreibungszeit der Anlagen liegt bei 80 Jahren.

Das Stadtgebiet Bochum liegt in Teilen auch im Zuständigkeitsbereich der Emschergenossenschaft und des Ruhrverbandes, welche nach wie vor in ihrem ursprünglich zugewiesenen Aufgabengebiet Abwasserentsorgung bzw. Trinkwasserversorgung tätig sind. Im Zuge der laufenden Emscher-Renaturierung wurde kürzlich, nach Abschluss der Bergsenkungen ein paralleler Abwasserkanal fertig gestellt.

Die immer häufiger auftretenden Wetterextreme, wie langanhaltende Trockenphasen verbunden mit hohen Temperaturen oder aber extreme Niederschlagsereignisse zeigen, dass  auch urbane Infrastrukturen an die Auswirkungen des Klimawandels angepasst werden müssen. Der Schutz vor Starkregenereignissen wurde im Gegensatz zum klassischen Hochwasserschutz an größeren Gewässern erst in den letzten Jahren intensiviert, mittlerweile sind aber für die meisten Städte Starkregengefahrenkarten erstellt, z.B. https://www.bochum.de/Starkregengefahrenkarte.

Insbesondere die Entwässerungssysteme sind nach außergewöhnlichen Starkniederschlagsereignissen nicht in der Lage, die anfallenden Wassermassen schadlos aus besiedelten Bereichen herauszuleiten. Sie sind auf ein 3-5-jährliches Ereignis ausgelegt. Hier bedarf es eines risikobasierten Überflutungsmanagements, um urbane Räume zu schützen, aber auch um die Gewässer vor schädlichen Einleitungen zu bewahren. Auch private Bauherren sind gehalten, durch eine hochwasserangepasste Bauweise Gebäudeschäden zu vermeiden bzw. zu minimieren.

Dabei geht es darum, im Sinn einer kommunalen Gemeinschaftsaufgabe Überflutungen in der Stadt zu begrenzen und Räume zu nutzen, die möglichst robust reagieren. Straßen können beispielsweise als Notabflussweg genutzt und auf Freiflächen Überflutungswassermengen mit geringem Aufwand zwischengespeichert werden. Gemeinsame Planungen werden nach dem Ideal der wassersensiblen Stadtentwicklung entwickelt. Hierbei geht es auch darum, dezentrale Lösungen zu suchen, um dem Wasser, wo immer möglich, ausreichend Raum zu geben und dieses zurück zu halten. Dabei kann die Schwammstadt zwischengespeicherte Wassermengen auch während anhaltender Trockenphasen zur Bewässerung von Grünstrukturen und zur Kühlung überhitzter Stadtbereiche bereitstellen. Ziel der Stadt Bochum ist es, auf diese Weise 15% des anfallenden Regenwassers aus dem Kanalnetz herauszuhalten.  Der durch das Thema „Verkehrwende“ initiierte Umbau der Castroper Straße wurde zugleich mit den entsprechenden wasserbaulichen Rückhalte-Maßnahmen, u.a. Baum-Rigolen verbunden, so dass auf den vorhandenen großvolumigen Regenwasserkanal künftig sogar verzichtet werden kann.

Die neue Ostparksiedlung wird „klimaresilient“ geplant und erhält eine „Wasserachse“, die zugleich als Treffpunkt und Aufenthaltsort innerhalb der Siedlung fungieren soll.

Die Anpassung urbaner Strukturen kann jedoch nicht nur auf die lokale Ebene begrenzt werden. Die Städte entlang der Emscher haben sich gemeinsam mit der Emschergenossenschaft und weiteren regionalen Akteuren zur Zukunftsinitiative Klima.Werk zusammengefunden, um blau-grüne Infrastrukturen für eine klimaresiliente Region zu realisieren, https://www.klima-werk.de/.

Der Referent forderte in diesem Zusammenhang auch neue Strukturen innerhalb der Verwaltungen mit interdisziplinären Teams, die die isolierte Bearbeitung von Teilaspekten durch die Fachverwaltungen ergänzen und den Gesamtprozess beschleunigen sollen.