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Verkehr in Corona-Zeiten, wie bewegen wir uns morgen?

Am 28.07. veranstaltete der WVV seinen 2. Online – Vortrag, welcher trotz der Ferienzeit von beinahe 80 Teilnehmer/innen besucht wurde.

Herr Prof. Dr. Michael Schreckenberg referierte hierbei zum Thema: Verkehr in Corona-Zeiten, wie bewegen wir uns morgen?

Prof. Schreckenberg, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 10 Jahren arbeitet er an Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Online-Verkehrsprognosen des Autobahnnetzwerkes von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen in Panik.

Während der Corona-Krise gab (und gibt) es drastische Veränderungen im Mobilitätsverhalten der Menschen. Dieses war nicht konstant, sondern veränderte sich im Laufe der Pandemie. Dabei waren Aspekte wie die Meidung des öffentlichen Verkehrs wie auch die zunehmende Nutzung von Home-Office und Mobile Working von grundlegender Bedeutung. Inwieweit nach der Corona-Krise, wann auch immer, zum alten Verhalten zurückgekehrt wird, ist weitgehend unklar. Jedenfalls bot sich hier die Möglichkeit, den Umwelteinfluss von  Verkehr aufgrund der deutlichen Senkung wie in einem Laborexperiment zu analysieren.

Der Referent skizzierte zunächst die Abläufe und Reaktionen auf Pandemien in der Vergangenheit sowie zu Beginn der aktuellen Corona-Pandemie. Die Situation war zunächst von allgemeiner Unsicherheit über die Notwendigkeit und Auswahl erfolgreicher Vorsorgemaßnahmen geprägt ebenso wie zu angemessenen Reaktionen auf Fehlverhalten.

Die Vermeidung direkter Kontakte, Home-Office, Veranstaltungsverbote, Ladenschließungen führten im Verkehrsbereich zu einer allgemeinen Abnahme der Verkehrsnachfrage mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die einzelnen Verkehrsträger, wobei die Auswertung von Online-Angeboten einen Überblick über prozentuale Verschiebungen erlaubt.

Für die Zukunft wird allgemein damit gerechnet, dass bestimmte durch Corona geförderte Verhaltensweisen wie vermehrtes Online-Shopping, Video-Konferenzen, E-Learning etc… in  Teilen beibehalten werden und die in der akuten Pandemie-Phase erreichten Verluste und Zugewinne somit in abgeschwächter Form längerfristig erhalten bleiben.

Dies bedeutet insbesondere für den Luftverkehr eine länger andauernde Abnahme welche vor allem für kleinere Flughäfen existenzbedrohend sein könnte.

ÖPNV und Bahnverkehr werden zwar derzeit z.T. noch gemieden, können jedoch durch entsprechende Versorgemassnahmen und deren Kommunikation das Vertrauen wohl zurückgewinnen und bei Wiedereinsetzen des Ausbildungsverkehrs ihre Marktanteile im Wesentlichen zurückgewinnen.

Im Pkw-Verkehr wird trotz der vorübergehenden Zuwanderung von Bahn und Flugzeug, bedingt durch die o.g. verkehrsvermeidenden Effekte lediglich 85% der üblichen Verkehrsmenge erreicht. Die letzten „fehlenden“ 10% sorgen jedoch dafür, dass die  üblichen Überlastungen des Straßennetzes derzeit weitgehend entfallen und zumeist staufreie Straßenverhältnisse herrschen.

Im Sektor Fahrzeugkauf ist beim Pkw-Absatz ein deutlicher Einbruch von 35% zu verzeichnen, der sich auch nach Ende des Lockdowns nicht wesentlich erholt hat. Die nunmehr anziehende Nachfrage nach E-Pkw kann jedoch bei Lieferzeiten von bis zu einem Jahr nicht ansatzweise bedient werden.

Der Absatz von Fahrrädern hat jedoch im Mai einen Allzeit-Höchstwert erreicht, bei E-Bikes / Pedelecs liegt sogar eine Verfünffachung der Verkäufe vor. Der Modal-Split-Anteil des Fahrrades wird daher dauerhaft erhöht bleiben.

Zusammenfassend stellte Prof. Schreckenberg unterschiedliche Auswirkungen der Corona-Pandemie für die einzelnen Verkehrsträger fest, wobei die erzwungenen Verhaltensänderungen nicht grundsätzlich als unangenehm empfunden werden.  In einigen Bereichen wirkt sich die Pandemie zudem als Treiber und Beschleuniger von ohnehin laufenden Entwicklungen (Online-Handel, Digitalisierung) aus.

Da derzeit mangels verfügbaren Impfstoffes eine vollständige Rückkehr zu den Vor-Corona-Verhältnissen kurzfristig also ausgeschlossen sein wird, schloss der Referent daher  mit dem Fazit: „Es gibt kein Leben nach Corona sondern nur mit Corona“.

Die zum Vortrag gezeigten Präsentationsfolien finden Sie im Download-Bereich.

Aufgrund der sehr guten Resonanz auf die beiden ersten Online-Vorträge beabsichtigt der WVV, nach Möglichkeit künftig alle Vorträge sowohl als Präsenzvorträge, zugleich aber auch online anzubieten.